Als er zum 1. Januar 1993 neuer Chef bei VW wird, weinen ihm nur die eingefleischten Audi-Techniker nach, die Manager jedoch nicht. Sie sind vom Machtmenschen Piëch aber nicht erlöst, denn Audi gehört zu VW, und dort ist Piëch der unumschränkte Herrscher. Kampfgeist, Unerbittlichkeit und ein Schuss Genialität, aber auch Misstrauen und eine gute Portion Verfolgungswahn zeichnen den neuen VW-Lenker aus.
Berüchtigte Seitenhiebe und sein eigener Abgang"Öffentlich wagt niemand den Hauch einer Kritik am gefürchteten Chef", schreibt der "Wir". "Er macht ja auch so schon genügend Leute fertig. Oft mit wenigen schneidenden Worten, unterbrochen von quälend langen Pausen zwischen den Sätzen. Einem durchdringenden Blick seiner stahlblauen Augen. Einem eisigen Lächeln."
"Wer nicht spurt oder meine Kreise stört, hat es verspielt", hat Piëch in seiner "Auto. Biographie" geschrieben. Das "Maximum" sei nur erreichbar, wenn man auch an die Grenze des Erreichbaren gehe. "Und an dieser Grenze ist nicht immer Harmonie zu Hause." Aber seine Zahlen stimmen. Als Piëch 2002 an die Spitze des Aufsichtsrats wechselt, macht VW einen doppelt so hohen Umsatz wie 1993 - und dazu Rekordprofite. Ein Kleinaktionär schwärmt vom "Göttervater", während wiederum der "Wir" vom Innenklima des von Piëch und Martin Winterkorn (72) geführten Konzerns schreibt: "Nordkorea minus Arbeitslager".
Als in den Medien mal berichtet wird, er plane wegen seiner angeblich angeschlagenen Gesundheit bald seinen Rückzug, gibt er zu Protokoll: "Guillotinieren werde ich erst, wenn ich sicher bin, wer es war." Seine Spezialität, die zudem bei rangniedrigeren Mitarbeitern gar nicht mal schlecht ankommt: das Entfernen der großen Bosse.
"Zu spät habe ich erkannt, den Falschen gewählt zu haben. Das habe ich mit Mühe im vergangenen November korrigiert", erklärt Piëch am 19. April 2007 bei der VW-Hauptversammlung über den dato schon entlassenen VW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder (71).
"Zurzeit noch. Streichen Sie das 'noch'", sagt Piëch am 11. Mai 2009 auf die Frage, ob der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking (66) sein Vertrauen genießt. Wiedeking verliert sein Amt.
"Ich bin auf Distanz zu Winterkorn" - mit diesem kurzen Satz gegenüber "Wir online" demontiert Piëch am 10. April 2015 den VW-Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn und löst eine Führungskrise im Volkswagen-Konzern aus, der er dann selbst zum Opfer fällt.
Der Aufsichtsrat steht zu Winterkorn, erbost gibt Piëch alle Ämter im Gesamtkonzern auf und zieht sich grollend nach Salzburg zurück. 2017 verkauft er den größten Teil seiner Stammaktien der Porsche Automobil Holding SE, die über 42 Prozent am Gesamtkonzern VW hält, an die Verwandtschaft Piëch und Porsche, vor allem an seinen jüngeren Bruder Hans Michel Piëch. Kolportierter Preis: über eine Milliarde Euro.
Privat ganz anders?Privat sei Piëch ein zugänglicher Mensch gewesen, heißt es. In seiner Einladung zum 75. Geburtstag soll in kleiner roter Schrift auf den Karten gestanden haben: "Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu." Er segelte gern, beschäftigte sich mit fernöstlicher Kultur und japanischer Ethik, und wenn er daheim bei Salzburg das Kaminholz hackte, flogen die Fetzen.
Sein Reichtum, schätzungsweise mehrere Milliarden Euro, wird höchst wahrscheinlich auf die letzte Ehefrau und jede Menge Kinder verteilt. Piëch selbst hat die Anzahl seiner Kinder auf zwölf beziffert, andere Quellen nennen 13, einige sogar 14. Fünf Kinder stammen aus seiner ersten Ehe mit Corinna von Planta, zwei aus der Beziehung zu Marlene Porsche, der Ex-Frau seines Cousins Gerhard Porsche, zwei weitere aus einer anderen Beziehung und drei aus der letzten Ehe mit Ursula Piëch (63).
Er lernte die Kindergärtnerin 1982 kennen, als sie sich bei seinem Privathaushalt als Gouvernante beworben hatte. Die Hochzeit war zwei Jahre später. Man sagt, dass diese Ehe sehr glücklich und voller Vertrauen gewesen sei.
Doch auch in Bezug auf die Kinder blitzte zuletzt etwas vom alten Piëch durch, dem einsamen, dämonischen Autokraten. Als im Frühjahr 2019 sein Sohn Anton auf dem Genfer Automobilsalon voller Stolz sein erstes selbst entworfenes Fahrzeug vorstellte - ein 612 PS-Sportwagen mit Elektroantrieb namens Piëch Mark Zero - sagte der Herr Papa auf Anfrage der "Bild am Sonntag": "Ich war nie dabei, ich bin nicht dabei und werde nicht bei dem Projekt beteiligt sein."