Schon seit einiger Zeit fordern Experten, sich bei den Entscheidungen in der Corona-Pandemie nicht ausschließlich auf die 7-Tage-Inzidenz zu verlassen. Denn diese Werte können vor allem nach Feiertagen nicht sehr präzise sein. Zudem seien nun auch die zahlreichen Massen-Schnelltests ein Problem, die die Zahlen in die Höhe schnellen lassen. Deshalb fordert nun ein Statistiker einen weiteren Corona-Richtwert in die Entscheidungen miteinzubeziehen.
Wegen der stark verbesserten Testmöglichkeiten im Vergleich zum Beginn der Corona-Pandemie werden in der heutigen Zeit natürlich deutlich mehr Infektionsfälle entdeckt. Doch dies könne laut dem Tübinger Infektiologen Peter Kremsner (59) zu einer massiven Verzerrung der Realität führen. Zur Erklärung nutzt Kremsner die Lage in seiner Heimatstadt Tübingen: "Die vielen Schnelltests verzerren die offiziell angegebene 7-Tage-Inzidenz für Tübingen um 25-50 % nach oben. Je mehr getestet wird, desto mehr wird die offiziell berichtete Inzidenz hinaufgetrieben.“ Auch aus diesem Grund fordert Top-Statistiker Göran Kauermann (55, Uni München) jetzt einen neuen Richtwert einzuführen. Nach Meinung von Kauermann sollte künftig auch die Anzahl der täglich aufgenommenen Intensiv-Patienten in die Entscheidungsfindung miteinbezogen werden. "Um die Dynamik der Pandemie einzuschätzen, ist es wichtiger, die Zugänge auf den Intensivstationen im Vergleich zu den Abgängen zu beobachten“, erklärt der erfahrene Statistiker bei der "Bild"-Zeitung. Gleichzeitig mahnte Kauermann: "Dafür reicht es nicht, nur zu wissen, wie sich die Gesamtzahl der belegten Betten verändert. Wir müssen wissen, wie viele Patienten täglich neu aufgenommen werden. Nach unserer Einschätzung gibt dieser Wert, die Anzahl der täglich aufgenommenen Intensiv-Patienten, die Dynamik der Pandemie am besten wieder.“ Zudem müsste dann auch noch feststellen, von wo genau die Patienten ursprünglich kommen. "Wenn Sie in einer Münchner Klinik viele Neuaufnahmen haben, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass die Lage in München außer Kontrolle gerät. Es kann auch sein, dass die Patienten vor allem aus dem Umland kommen. Deshalb muss auch die Geolokation der Patienten erfasst und auch gemeldet werden“, erklärt der Statistiker.