Katja Riemann: "Ich habe einfach nicht mehr losgelassen"

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Katja Riemann: "Ich habe einfach nicht mehr losgelassen"

Stars (1 / 1) 27.02.2021 00:33 / Julia Symbolbild imago images/Sven Simon


Interview über Projektreisen

Katja Riemann (56) ist seit 20 Jahren in der Welt unterwegs, abseits der Schauspielerei. In "Jeder hat. Niemand darf." (S. Fischer) erzählt sie von den vielen Projektreisen, die sie unternommen hat. "Was ich versucht habe, ist, in gewisser Weise vorstellbar zu machen, wie humanitäre Arbeit im Feld, also vor Ort aussieht", erklärt sie. "Das Buch hat zehn Kapitel, zehn Länder, zehn Themen. Es ist ganz konkret, ich erzähle von der täglichen Arbeit, breche die Zahlen, die man aus den Nachrichten kennt runter, von der Millionen-Zahl, unter der die Menschen anonym bleiben, auf einzelne Geschichten, an denen man, wenn man will, Anteil nehmen kann und die vielleicht repräsentativ wirken."

Weiter sagt Riemann, sie habe versucht, "niemals die Augenhöhe oder den Humor zu verlieren, daher würde es mich sehr freuen, wenn die Lesenden manchmal lachen. Es ist nicht nur erlaubt, es ist gewünscht, auch wenn man das auf den ersten Blick vielleicht nicht mit humanitärer Arbeit zusammenbringen mag, die Themen und den Humor. Aber da geht's schon los: Es passt zusammen!" Und Riemann fügt hinzu: "Menschenrechtliche Arbeit beginnt meines Erachtens immer mit einem Gedanken oder einem Bewusstsein. Wenn mein Buch hier einen Anteil leisten könnte, wäre das top."

"Ich habe einfach nicht mehr losgelassen"

Und was war der Auslöser für ihr Engagement für andere? "Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich 'für andere Menschen engagiere', das sagt sich immer so schnell, das sagt man eben so, und ich weiß manchmal gar nicht mehr, was es bedeutet, weil es so oft gesagt wurde." Sei dies "nicht nur die Bezeichnung, das Label quasi?", fragt Riemann: "Ich kann garantiert sagen, richtig interessant wird es, wenn man die Box, auf die das Label geklebt wurde, öffnet und schaut, was drinnen ist, was so abgeht in den Projekten menschenrechtlicher Arbeit. Und was da für Leute sind, woher sie kommen, was sie sich alles ausdenken, womit sie zu tun haben und was sie für Charaktere sind."

"Der Auslöser war ganz simpel", erzählt sie. "Ich bekam 1999 einen Anruf von Unicef Deutschland und wurde gefragt, ob ich ein senegalesisches Projekt anlässlich einer TV-Show vorstellen würde, gemeinsam mit der Gründerin der Nichtregierungsorganisation. Das Thema war Mädchenbeschneidung. Ich habe zugesagt. Ich schreibe darüber auch ausführlich im Buch. So lernte ich Molly Melching kennen, mit der ich bis heute befreundet bin. So begann es, unspektakulär. Ich habe nur einfach nicht mehr losgelassen, das ist möglicherweise das Verwunderliche."

Wie hat sich Katja Riemann selbst dadurch verändert?

Die Veränderung durch die menschenrechtliche Arbeit, die sie bezeugen durfte sei letztlich viel abwechslungsreicher als ihre persönliche, so Riemann und sagt dann: "Ich glaube, ich bin durch diese Reisen und die viele Beschäftigung mit den Inhalten und Projekten, speziell während des Schreibens in den letzten drei Jahren, schon genauer geworden im Hingucken, im Wissenwollen, ich versuche Bezüge herzustellen, zu begreifen, wie welche Situationen oder Verhaltensweisen entstehen."

Zudem meint Riemann: "Ich mag nicht mehr so schnell mitschreien im Chor der Empörungskultur, der Voreingenommenheiten und Vorwürflichkeiten, dort wo man ganz schnell weiß, wie es geht, wo es die Meinungen, Vorverurteilungen und Klassen gibt. Da bin ich raus, das ist zu einfach, abgesehen, dass es mir da zu rau und respektlos zugeht. Das habe ich sicherlich von den Humanitarians gelernt: Sie sind freundlich, respektvoll, vorsichtig, humorvoll und wollen etwas wissen und verstehen. Sie arbeiten mit den Menschenrechten, da steht alles drin."