So stehen Benedikt XVI. und Franziskus wirklich zueinander

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So stehen Benedikt XVI. und Franziskus wirklich zueinander

Stars (2 / 1) 04.05.2021 23:33 / Angela Symbolbild imago images/Independent Photo Agency Int.


Seewald: Nach Aussagen des früheren wie des amtierenden Heiligen Vaters ist die Beziehung ausgezeichnet. Und ich nehme an, das ist nicht nur eine Höflichkeitsfloskel. In seinem in meinem Buch veröffentlichten letzten Interview sagt Benedikt XVI.: "Die persönliche Freundschaft mit Papst Franziskus ist nicht nur geblieben, sondern weiter gewachsen". Bergoglio hat ein anderes Temperament, ein anderes Charisma, eine andere Art der Amtsführung, aber er ließ nie einen Zweifel an seiner Verehrung für den Vorgänger. Nach seiner Wahl betete er auf der Loggia des Petersdomes als allererstes ein Gebet für seinen Vorgänger. Er schreibt ihm Briefe, besucht ihn regelmäßig, bittet hier und da auch um Rat. Er würdigt ihn als "großen Papst" und ist sich sicher, wie er sagt, dass "sein Geist von Generation zu Generation immer größer und mächtiger in Erscheinung treten wird".

Hat sich Benedikt seit seinem Rücktritt je in das Wirken des jetzigen Papstes eingemischt?

Seewald: Nein. Wer das sagt, hat entweder keine Ahnung oder ist bewusst verleumderisch. Es gibt keine einzige Aussage, die dies belegen könnte. Er war im Gegenteil immer peinlich darauf bedacht, seinem Nachfolger nirgendwo in die Quere zu kommen. Die Rede vom "Schattenpapst" oder gar "Gegenpapst" Ratzinger ist genauso unsinnig wie die Mär, Bergoglio würde von den "Wölfen" im Vatikan an die Wand gedrückt. Was bei dem kräftigen und durchaus machtbewussten Franziskus ohnehin kaum vorstellbar ist.

Wird Benedikt als Person falsch eingeschätzt und dargestellt? Was ist für Sie das Bemerkenswerteste an ihm?

Seewald: Der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy merkte einmal an, sobald die Rede auf Ratzinger komme, beherrschten "Vorurteile, Unaufrichtigkeit und sogar die glatte Desinformation jede Diskussion". Die Medienexpertin Friederike Glavanovics analysierte, im Umgang mit Ratzinger sei die Tendenz mancher Journalisten auffällig, negative Nachrichten geradezu zwanghaft in einen noch negativeren Kontext einzubetten. Es sei ein Image konstruiert worden, "das nicht auf Wirklichkeit, sondern nur auf Viabilität verpflichtet ist", auf ein fiktives Bild also, das einem bestimmten Zweck dienen sollte. Benedikt XVI. gilt als einer der bedeutendsten Intellektuellen unserer Zeit, gleichzeitig blieb er eine Reizfigur. Ein Unbequemer, der sich geweigert hatte, sich an den jeweiligen Zeitgeist anzupassen.

In dem Netflix-Film "Die zwei Päpste" lehnt Papst Benedikt 2012 den Rückzug von Jorge Mario Bergoglio als Kardinal ab und erklärt ihm, dass er als Papst zurücktreten werde, und in Bergoglio seinen Nachfolger sieht - obwohl dieser sein schärfster Kritiker ist. Wie viel Wahrheit steckt in dieser Geschichte?

Seewald: Der Film ist eine interessante Spekulation, aber auch nicht mehr. Teils ist das ganz amüsant. Etwa wenn der großartige Anthony Hopkins als Benedikt XVI. auf dem Klavier ein Lied von Zarah Leander spielt und erzählt, er hätte eine CD im Studio der Beatles in der Abbey Road in London aufgenommen. Ratzinger und Bergoglio kannten sich nicht besonders gut. Sie waren sich bei den vorgeschriebenen Besuchen des Argentiniers in Rom begegnet. Im Konklave von 2005 war Bergoglio freilich der Mann mit den zweitmeisten Stimmen. In einem Interview sagte er: "In dem Moment der Geschichte war Ratzinger der einzige Mann mit der Statur, der Weisheit und der notwendigen Erfahrung, um gewählt zu werden."

Haben Sie beim Recherchieren und Schreiben zu "Benedikt XVI.: Ein Leben" Überraschungen erlebt?

Seewald: Ja, jede Menge. Es ist eine Jahrhundertbiografie, wie es sie kein zweites Mal gibt. Und es ist viel zu erzählen. Es beginnt schon mit der Mutter Ratzingers und den Großeltern mütterlicherseits, die alle unehelich geboren wurden. Da waren die Erfahrungen in der Nazizeit, die prägend für seine Haltung, für sein ganzes Werk wurden. Als Student hatte er sich in ein Mädchen verliebt - eine Geschichte, die seine Entscheidung für den Priesterberuf existentiell machte. In Bonn wird er gefeiert als neuer Star am Himmel der Theologie. Auffallend ist seine Nähe zu unbequemen, eigenständig denkenden Persönlichkeiten.

Mir war auch nicht bewusst, dass Ratzingers Anteil am Konzil nicht marginal, sondern riesig ist. Er selbst hat das immer heruntergespielt. Aber an der Seite von Kardinal Frings war er im Grunde der maßgebliche Spin-Doctor des Vatikanums. Man hat ihn wegen seiner progressiven Haltung sogar der Freimaurerei verdächtigt. Schon Ende der 50er-Jahre sprach er von der notwendigen "Entweltlichung" der Kirche. Diese Brandschrift kostete ihm fast die Karriere. Später hat er sich mit Händen und Füßen gegen die Berufung zum Glaubenspräfekten gewehrt.

Eines der Buchkapitel erzählt auch von den unbekannten gesundheitlichen Handicaps Ratzingers und seiner Erschöpfung nach dem Tod seiner Schwester. Und, und, und. Es gibt auch Schattenseiten, wie etwa seine mangelnde Personalpolitik. Vor allem hat mich seine Leidensbereitschaft überrascht. Es ist nicht so, dass Ratzinger nicht auch ausgeteilt hätte. Aber er hat nie mit gleicher Münze zurückbezahlt. Selbst seine schärfsten Kritiker bezeichnet er nicht als Feinde, sondern allenfalls als "Nicht-Freunde".