16 Jahre regierten sie zusammen, der Ober und sein Unter. Die Loyalität kannte nur eine Richtung: von unten nach oben. Wenn Blüm sein ständiges Motto - "Die Rente ist sicher!" - wie ein Mantra ins Volk posaunte, lächelte Kohl gnädig. Wenn aber Blüm furchtlos auf den Chile-Diktator Pinochet losging und 16 Todeskandidaten das Leben rettete, schwieg Kohl, auch als CSU-Boss Franz Josef Strauß höhnte, der Norbert sei ein "Herz-Jesu-Sozialist", der sich für "Verbrecher" und "Kommunisten" einsetze.
Moralischer EntertainerIrgendwann war es vorbei mit dem Gespann Kohl-Blüm. Als der ehemalige Knappe Blüm 1999 bei der CDU-Spendenaffäre die Ansicht vertrat, dass Ex-Kanzler Kohl auch von seinem Amt als CDU-Ehrenvorsitzender zurücktreten müsse, war Schluss mit lustig. Nie wieder sprach Dr. Kohl ein Wort mit Dr. Blüm. Eine Trennung, die Kohl wie ein böser alter Mann mit eisiger Verachtung dokumentierte und Blüm mit eher leicht belustigter Verwunderung.
Sein Lebensabend als politischer Rentner war ja auch um so vieles lustiger. Während Kohl bis an sein Lebensende mit seiner politischen Nachfolge und seinen Söhnen haderte, folgte Blüm seinem Naturell und gab den moralischen Entertainer. Er war nicht nur Mitglied des TV-Rateteams von "Was bin ich?", sondern schrieb auch Bücher mit den "Einsichten eines linken Konservativen", stellte Kinderarbeit an den Prager, ging mit dem Schauspieler Peter Sodann auf Kabarettisten-Tournee, engagierte sich für Sklavenarbeiter in Katar,...
Anrufe bei FreundenDer "Wir" hatte vor fünf Jahren den Rentner Norbert Blüm in seinem Haus in Bonn besucht und seinen Alltag beschrieben. Am liebsten saß der Ex-Minister mit seinem alten Telefonbuch am Schreibtisch und rief Freunde und ehemalige Kollegen an, nach dem Motto: "Nein, ich will nichts Bestimmtes. Ich sitz nur hier im Schaukelstuhl, Wärmflasche an den Füßen, hab mein Hörgerät angemacht und wollt mal durchrufen."
Einen Gesprächspartner begrüßt er mit: "Ist da die Zentrale für sozialistische Gesinnungsprüfung und Gehirnerweichung? Hömma, ich hab dich laut gestellt, ich will dir nur sagen, der 'Wir' hört mit." - Alles Arschlöcher", antwortet Oskar Lafontaine. Nachdem alle Fragen zum Thema Linke, Rechte, Rente und Sigmar Gabriel abgehakt sind, verabschiedet sich Blüm: "Na, wie auch immer, grüß deine Alte, ich meine deine Neue. Du hast ja 'ne Neue." Lafontaine antwortet: "Du kannst ruhig Sahra sagen."
Er ruft auch in München an. "Guten Tag, Blüm hier, könnte ich den Herrn Ministerpräsidenten Seehofer sprechen?" - "Tut mir leid, Herr Blüm, der Herr Ministerpräsident ist im Urlaub, kann ich was ausrichten?" - "Wenn er Lust hat, soll er mich mal anrufen." - "Gerne. Haben Sie denn ein spezielles Thema?" - "Joa, das Wetter wär schön."
Schließlich hat er einen guten Freund am Ohr, Bernhard Jagoda, den ehemaligen Chef der Bundesanstalt für Arbeit. Er lag nach einer Blutvergiftung ein Jahr im Koma, und Blüm spricht ins Telefon: "Was machst du denn für Sachen, Blutvergiftung, in unserem Alter, das macht man doch nicht."