Der Arzt Dr. Daniele Macchini Alamiert in einem dramatischen Facebook-Post aus dem Krankenhaus im italienischen Bergamo:
"Ich habe lange darüber nachgedacht, ob und wie ich über das, was mit uns geschieht, schreiben soll. Schließlich hatte ich das Gefühl, dass Schweigen nicht mehr verantwortlich ist. Ich will daher versuchen, zu vermitteln, was wir in Bergamo in diesen Tagen der Covid-19-Pandemie erleben.
Ich verstehe die Notwendigkeit, keine Panik zu erzeugen. Aber wenn die Tragweite dessen, was passiert, die Menschen nicht erreicht und ich immer noch spüre, dass sich Menschen einen Dreck um die Empfehlungen scheren und sich beschweren, weil sie nicht ins Fitnessstudio oder Fußballspiele gehen können, dann erschaudere ich.
Ich verstehe auch den wirtschaftlichen Schaden, der entsteht. Und auch ich bin darüber. Aber ich erlaube mir jedoch, die Bedeutung der im ganzen Land drohenden Gesundheitsschäden höher anzusetzen
Ich selbst beobachtete mit einigem Erstaunen, wie das gesamte Krankenhauses in der vergangenen Woche neu organisiert wurde - als unser gegenwärtiger Feind noch als Gespenst im Raum stand und noch gar nicht da war: Die Stationen wurden langsam buchstäblich "geleert". Die nicht so dringenden Aktivitäten wurden unterbrochen, die Intensivstation nach und nach freigemacht, um so viele Betten wie möglich zu schaffen. Es entstand eine Stille und surreale Leere in den Korridoren des Krankenhauses. Es war, als ob wir auf einen Krieg warteten, der noch begonnen hatte und von dem viele (einschließlich mir) nicht so sicher waren, dass er jemals mit einer solchen Grausamkeit kommen würde.
Ich erinnere mich noch an meine Nachtschicht vor einer Woche, Ich wartete auf einen Anruf der Mikrobiologie. Ich wartete auf die Ergebnisse eines Abstrichs bei dem ersten verdächtigen Patienten in unserem Krankenhaus und überlegte, welche Folgen das für uns und die Klinik haben würde. Wenn ich darüber nachdenke, erscheint mir meine Aufregung über einen möglichen ersten Fall fast lächerlich und ungerechtfertigt, jetzt, da ich gesehen habe, was passiert.
Nun, die Situation ist jetzt, gelinde gesagt, dramatisch. Es fallen mir keine anderen Worte ein. Der Krieg ist ausgebrochen und die Kämpfe halten Tag und Nacht ununterbrochen an.
Einer nach dem anderen tauchen die armen Unglücklichen in der Notaufnahme auf. Sie haben aber nicht die Beschwerden bei deiner normalen Grippe. Wir müssen aufhören, zu sagen, es sei wie eine schlimme Grippe. In meinen zwei Jahren hier habe ich gelernt, dass Menschen aus Bergamo nicht grundlos in die Notaufnahme kommen. Sie haben sich auch diesmal richtig verhalten, haben alle Hinweise befolgt: eine Woche oder zehn Tage zu Hause mit Fieber, ohne rauszugehen und eine Infektion zu riskieren. Aber jetzt können sie es nicht mehr ertragen. Sie atmen nicht genug, sie brauchen Sauerstoff.
Es gibt nur wenige Therapiemöglichkeiten für dieses Virus. Der Krankheitsverlauf hängt hauptsächlich von unserem Körper ab. Wir Ärzte können die Patienten nur unterstützen. Seien wir ehrlich: Man hofft vor allem darauf, dass die Körper das Virus von alleine bekämpfen.
Wir brauchen nun dringend mehr Betten in den Kliniken für die Patienten. Denn nacheinander füllen sich die leeren Stationen in beunruhigender Geschwindigkeit. Die Tafeln mit den Namen der Patienten, die je nach Operationseinheit unterschiedlich gefärbt sind, sind jetzt alle rot und statt einer Operation steht nun die Diagnose und es ist immer derselbe Mist: Beidseitige Lugenentzündung.
Kein Grippevirus verursacht ein so rasantes Drama. Denn das ist der Unterschied: Bei der klassischen Grippe verlaufen die Fälle, abgesehen davon, dass sich über mehrere Monate hinweg viel weniger Menschen infizieren, selten kompliziert. Covid-19 verursacht bei vielen jungen Menschen eine gewöhnliche Grippe, aber bei vielen älteren Menschen eine echte SARS, weil sie direkt in die Lungenbläschen gelangt und diese infiziert.
Die daraus resultierende Atemwegsinsuffizienz ist oft schwerwiegend und nach einigen Tagen Krankenhausaufenthalt reicht der einfache Sauerstoff, der auf einer Station verabreicht werden kann, möglicherweise nicht mehr aus.
Verzeihen Sie mir, aber es beruhigt mich als Arzt nicht, dass die schwerwiegendsten Krankheitsverläufe ältere Menschen mit Vorerkrankungen betreffen. Die ältere Bevölkerung ist in unserem Land am stärksten vertreten, und es ist schwierig, jemanden über 65 Jahre zu finden, der nicht zumindest die Pille gegen Blutdruck oder Diabetes nimmt.
Und während es in den sozialen Medien immer noch Menschen gibt, die sich rühmen, keine Angst zu haben, die die Hinweise ignorieren und protestieren, weil ihre normalen Lebensgewohnheiten "vorübergehend" außer Kraft gesetzt sind, findet die epidemiologische Katastrophe statt.