In den letzten Wochen wurden auch weitere russische Vorkehrungen in der Region beobachtet. Zum Beispiel entstand Ende Juni ein improvisierter Damm im Südosten des Stadtgebiets von Tokmak, der die angrenzenden Ackerflächen überflutete. Dies könnte darauf abzielen, ein weiteres Hindernis im Umfeld der Stadt zu schaffen.
Tokmak spielt offensichtlich eine besondere Rolle in den Überlegungen der russischen Besatzer. Die Stadt hat sowohl für Russland als auch für die Ukraine strategische Bedeutung. Aus russischer Sicht bietet Tokmak sich als Verkehrs- und Logistikstützpunkt im Hinterland der Kampfzone an. Von ukrainischer Seite aus gesehen ist Tokmak die erste größere Ortschaft auf dem Weg zur Küste. Ein Durchbruch der ukrainischen Truppen bei Tokmak könnte einen Keil in die russischen Verbände treiben. Die russische Landverbindung zur Krim ist nirgends schmaler als im Frontabschnitt bei Tokmak. Von dort bis zur Hafenstadt Berdjansk sind es nur noch gut 100 Kilometer über weitgehend flaches Gelände. Abgesehen von Tokmak und Melitopol gibt es in diesem Korridor keine größeren Ortschaften mehr zwischen den ukrainischen Befreiern und dem Asowschen Meer.
Die russischen Stellungsbauten bei Tokmak haben jedoch einen offensichtlichen Nachteil: Sie erfordern eine große Anzahl kampfkräftiger Soldaten, sonst sind sie beinahe nutzlos. Die üblicherweise parallel zu den Sperranlagen angelegten Minenfelder schränken zudem die Bewegungsfreiheit der russischen Truppen ein. Es ist unklar, über welche personellen Reserven die russischen Generäle in der Region noch verfügen. Die Versorgungslage ist schwierig, da die russischen Nachschubrouten seit Wochen gezielt unter Beschuss stehen. Die Abschnitte bei Tokmak wirken bisher noch unbesetzt, die Geschützstellungen sind größtenteils leer. Die militärische Bedeutung der russischen Stellungen hinter der Front ist fraglich. Kann die russische Armee tatsächlich davon ausgehen, die ukrainischen Truppen in sichtbaren Stellungen dauerhaft aufhalten zu können? Immerhin verfügen die ukrainischen Streitkräfte über westliche Präzisionsmunition, Pionierpanzer, Minenräumer und anderes schweres Militärgerät. Sicher ist jedoch, dass Putins "militärische Spezialoperation" im zweiten Jahr der Kampfhandlungen bereits massiv unter Druck geraten ist. Das Potenzial der ukrainischen Gegenoffensive ist offenbar so groß, dass mit weiteren Durchbrüchen zu rechnen ist. Und dass, obwohl die Ukraine zahlreiche Einheiten noch gar nicht auf's Schñachtfeld geschickt hat.