Jedoch ist die Entwicklung ein schwerer psychologischer Schlag für Russland. Was ursprünglich als schneller Feldzug begann, hat sich zu einem Krieg entwickelt, der nun auch das russische Territorium betrifft. Mit seinen Angriffen hat sich Moskau selbst in eine schwierige Lage gebracht. Der Kreml-Chef verfügt nicht über unbegrenzt viele Raketen und kann es sich daher nicht erlauben, sie großzügig einzusetzen. Er muss sparsam mit den konventionellen Raketen umgehen, die ihm noch zur Verfügung stehen. Da seine konventionellen Offensivfähigkeiten inzwischen begrenzt sind, setzt Putin auf nukleare Andeutungen einer Eskalation. Er hat Atomwaffen nach Belarus entsandt, die jedoch weiterhin unter russischer Kontrolle stehen sollen, und hat die russische Teilnahme am Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa beendet. Beide Entwicklungen werden als Anzeichen für die Bereitschaft zur nuklearen Eskalation gewertet.
Im Hintergrund der ukrainischen Pläne für eine großangelegte Gegenoffensive versucht Putin, einen Strich durch die Rechnung Kiews zu machen. Dabei plant er offenbar einen radioaktiven "Unfall" im Atomkraftwerk Saporischschja. Das zumindest behauptete das ukrainische Verteidigungsministerium in einem Tweet am 26. Mai. Russische Truppen sollen das AKW-Gelände, das sich unter russischer Kontrolle befindet, angreifen und dann behaupten, dass radioaktives Material ausgetreten sei. Das Ziel ist es, die Ukraine für den Vorfall verantwortlich zu machen, einen Waffenstillstand zu erreichen und die ukrainische Gegenoffensive zu verhindern, während die eigenen Truppen sich neu formieren können. Für Russland wird der Ukraine-Krieg immer belastender. Es gibt schwere Verluste an Soldaten und Ausrüstung, das Raketenarsenal schrumpft langsam, die internationale Isolation nimmt zu, und die Auswirkungen auf die russische Wirtschaft sind spürbar. Putin könnte nun versuchen, sich mithilfe von nuklearer Sabotage aus dieser heiklen Situation zu befreien.